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Männer - Gesundheitsidioten ?

Der Befund ist klar: Männer erwartet derzeit in Deutschland bei der Geburt ein fast sechs Jahre kürzeres Leben als Frauen. Dieses Differential geht weit übereinen in der Forschung angenommenenbiologischen Vorteil der Frauen von etwa einem Jahr hinaus: Fast fünf Jahre bleibenerklärungsbedürftig, denn sie sind offenbar sozial und kulturell bedingt. Das belegt der Blick auf die langfristigen Entwicklungen der Lebenserwartung seit 1850, als in dieser Hinsicht praktisch kein Unterschied zwischen Frauen und Männern bestand. Die Industrialisierung und die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik waren für die männliche Lebenserwartung besonders desaströs. Es spricht einiges dafür, dass besonders hohe Arbeitsanforderungen und das Allein bzw. Hauptverdienermodell für Männer sehr gesundheitsschädlich war.

Während der letzten Jahre hat sich nun im öffentlichen Diskurs eine sehr einfache, abwertende Erklärung für die geringere Lebenserwartung der Männer etabliert: Die Männer seien „Gesundheitsidioten“. Nach Ergebnissender Gesundheitswissenschaften leben „Männer“ tatsächlichrisikoreicher, haben mehr tödliche Autounfälle, gehen weniger zum Arzt und nehmen Beratungsangebote weniger in Anspruch.

Diese Begründung greift aber viel zu kurz. Der derzeit öffentliche Diskurs kontrastiert :

- unzutreffend „die Männer“ mit „den Frauen“, denen bestimmte Verhaltensweisen zugeschrieben werden. Dadurch entgeht ihm, dass das Gesundheitsverhalten z.B. voll berufstätiger Frauen in vielerlei Hinsicht demjenigen voll berufstätiger Männer viel ähnlicher ist als etwa dem von Hausfrauen.

- Außerdem entgehen diesem Diskurs wichtige Differenzierungen innerhalb des „Kollektivsubjekts Männer“ nach Lebensphasen, sozialer Lage und Migrationshintergrund – um nur die wichtigsten zu nennen.

- Er unterstellt eine jedenfalls sehr weit gehende Wahlfreiheit der Betroffenen, die oft gar nicht besteht. Nach wie vor gilt nämlich: Je niedriger die gesellschaftliche Position eines Mannes, desto weniger Wahlmöglichkeiten für gesundheitskonformes Verhalten hat er.

- Mit der Verlagerung der Verantwortlichkeit auf die als „Gesundheitsidioten“ titulierten Männer geraten Problemfelder, die die Politik direkt beeinflussen könnten, wie z.B. ein Tempolimit auf den Autobahnen, aus dem Blick.

Gesundheitsverhalten – geschlechtsspezifisch unterschiedlich verortet

Trotzdem lassen sich einige Kontraste beim Gesundheitsverhalten von Männern und Frauen feststellen: Traditionell beinhaltet das Leitbild für „Männlichkeit“ u.a.:

- körperliche Stärke – als Körperertüchtigung erwünscht, als überzogener Leistungssport abergesundheitsschädlich;

- Willensstärke und Autonomie – eine gesellschaftlich zunehmend erwünschte Qualität. Bezogen auf Gesundheit kann sie dazu führen, sich nicht vom Fachpersonal wie Ärzten helfen lassen zu wollen.

Demgegenüber beinhaltet das traditionelle Leitbild für „Weiblichkeit“ u.a.

- sehr hohe Beachtung des Körpers – gut für gesunde Ernährung, kann aber auch bis zur Magersucht führen;

- die Bereitschaft andere zu unterstützen sowie sich von anderen helfen zu lassen. Deshalb gehen Frauen eher zum Arzt, neigen aber auch zu „höherer Klagsamkeit“, also der Bereitschaft, schon bei geringfügigen Symptomen schneller medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Gesundheitsrelevante Ambivalenzen bestehen also in beiden Geschlechterleitbildern. Allerdings fördert das traditionelle Leitbild von Weiblichkeit eher gesundheitskonformes Verhalten, das gängige Leitbild von Männlichkeit behindert es eher.

Gesundheitsverhalten – geschlechtsspezifischunterschiedlich erlernt

Frauen wird ganz vorrangig die Zuständigkeit für Gesundheit und Krankheit von Kindern zugeschrieben. Jungen erfahren als Kinder genau diese Kompetenzzuschreibung und erwarten dann auch als Männer von Frauen Kompetenz in diesem Feld. Heranwachsende Jungen gehen – meistens nach Unfällen– nur gelegentlich und bei Bedarf zum Arzt, wenn ihr Körper akut reparaturbedürftig ist. Für Mädchen ist der Arztbesuch regelmäßige Praxis zum Zwecke der Verhütung und gynäkologischer Kontrolle. Der Arzt wird also aufgesucht, ohne dass akut eine Krankheit besteht. Frauen gehen dann Jahr für Jahr regelmäßig bis in die Wechseljahre – mindestens zum Gynäkologen. Oft führt dies zu weiteren Arztbesuchen. Männer hingegen spüren bis in ihr viertes Lebensjahrzehntselten Veranlassung zum Arzt zu gehen. Diese erlernten Verhaltensmuster sind geschlechtsspezifisch sehr unterschiedlich und erscheinen den Betroffenen als ganz rational.

Inanspruchnahmeverhalten

Gleichzeitig ist das Muster der Inanspruchnahme Ergebnis der Medikalisierung des Körpers von Frauen, die seitdem 18. Jh. vorrangig als Patienten rekrutiert wurden. Sieht man sich an, wie viel Männer und Frauen jeweils in den letzten vierhundert Jahren in Arztpraxen auftauchten, dann ist der Wendepunkt – egal ob in Deutschland, Belgien oder Kanada – das Jahrzehnt 1850/1860. Vorher waren oft mehr Männer in den Arztpraxen oder die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen waren ausgeglichen. Seither sind es immer ca. 60 % Frauen. Das lässt sich weder durch den höheren Frauenanteil in der Bevölkerung, noch durch den „gynäkologischen Bedarf“ erklären. Zieht man beides ab, bleibt statt einem20 %igem immer noch ein Überhang von 12 % Frauen in den Praxen – und das seit 150 Jahren! Entscheidend für das Inanspruchnahmeverhalten sind Geschlechterleitbilder und das ärztliche Angebot.

Beratngsangebote zielten bisher immer vorrangig auf Frauen

Etwa ein Jahrhundert Gesundheitsberatung lässt nur eine Charakterisierung zu: Adressat waren und sind immervorrangig die Frauen. Will man dies ändern, dann wäre auch darauf zu achten, dass die Vorsorgeangebote zeitlich mit den Arbeitszeiten von Männern vereinbar sind, denn fast 94 % der berufstätigen Männer arbeiten Vollzeit, demgegenüber sind 85,4 % aller Teilzeitbeschäftigten Frauen. Vor diesem Hintergrund ist es eher erstaunlich, dass selbst die jüngeren Männer Gesundheitsuntersuchungen gar nicht so viel weniger wahrnehmen als Frauen. Ältere Männer nutzen sie sogar mehr. Deshalb sollte man nicht so ausschließlich von der Krebsvorsorge reden, die in der Tat die Frauen deutlich mehr nutzen – eben weil es für sie auch mehr Angebote gibt. Insgesamt wird die Bedeutung der Krebsvorsorge weit überschätzt. Der Rückgang von Neubildungen als Todesursache hat in den 22 Jahren von 1980 bis 2002 nur wenig mehr als ein halbes Jahr zur Verbesserung der Lebenserwartung von Männern und Frauen beigetragen. Allein die Reduzierung der Verkehrsunfallfolgen hat für die Männer fast genau soviel gebracht.

Fazit

Wer Männer als „Gesundheitsidioten“ abwertet, macht es sich zu leicht. Statt dessen müssten die Informationslücken zur Männergesundheit dringend beseitigt werden. In Deutschland fehlt immer noch ein Männergesundheitsbericht, während ein umfänglicher Frauengesundheitsbericht seit2002 vorliegt. Auch fehlen überzeugende, für die Zielgruppeeinsehbare Vorsorgeangebote weitgehend. Gesundheitsförderliche Verhaltensweisen von männlichen Jugendlichen, wie z.B. ihr stärkeres Interesse an Bewegung, sollten positiv herausgestellt werden. Beim Thema work-life-balance spüren auch jüngere Alterskohorten von Männern Änderungsbedarf; hier kann man über das für männliche Identität traditionell zentrale Thema Arbeit einsteigen und dann auch Arbeitsbelastung ansprechen. Am meisten Bereitschaft zum Wandel besteht in der Lebensmitte (bei den über Vierzigjährigen).

martin.dinges@igm-bosch.de

Foto: © Prof. Dr. Martin Dinges

L&M 1 / 2008

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe L&M 1 / 2008.
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